Sport

Nicht nur im Leistungs- auch im Breitensport beeinflussen positive wie negative Erwartungen die sportliche Leistung.

Erwartungseffekte finden wir in vielen Lebensbereichen. Sie wirken, wenn wir z. B. Kosmetika kaufen, im Bildungsbereich beim Lernen, und sie beeinflussen eben auch die Leistungen im Sport.

Prof. Ulrike Bingel, Leiterin des Zentrums für Schmerzmedizin an der Universitätsmedizin Essen und Sprecherin des Sonderforschungsbereichs Treatment Expectation

Welche Placeboeffekte kennen wir im Bereich Sport?*

Erwartungs- und Placeboeffekte können sich nicht nur in der Medizin, sondern auch in anderen Bereichen wie dem Sport auf die Motivation und die Leistungsfähigkeit auswirken. Das neue Material des teuren Rennrads, die extrem atmungsaktive Sportbekleidung und auch der Geheimtipp des Teamkollegen, den neuesten Energydrink zu probieren, schüren Erwartungen.

Das Wort Placebo- oder Erwartungseffekt wird dabei selten verwendet. Es ist aber genau diese positive Erwartung, die auf früheren Erfahrungen und Lernprozessen basiert, welche zu mehr sportlicher Leistung führen kann. Im Breitensport entwickelt sich unter Umständen einfach mehr Motivation und Freude an regelmäßiger Bewegung.

Leistungssportler* sprechen gern von den „letzten paar Prozent“, die sie durch exakte Trainingspläne, Ernährungsumstellung, ausgefeiltes Equipment und nicht zuletzt Mentaltechniken aus sich herausholen wollen. Es existiert bereits eine Reihe eindrucksvoller Studien, die den Glauben an die eigene Stärke, den Effekt von Scheindoping oder die Leistungssteigerung durch positive Informationen untersuchten.

Eine Pionierarbeit dokumentierte 1972 erstmals einen Placeboeffekt im Leistungssport: Trainierte KraftsportlerInnen konnten nach einer vermeintlichen Behandlung mit Anabolika ihre Maximalkraft noch deutlich steigern. Dabei hatten sie statt leistungsfördernder Steroide – das sind künstlich hergestellte hormonähnliche Substanzen –, von denen man weiß, dass sie den Muskelaufbau fördern, ausschließlich Placebos bekommen. Aber natürlich hatten sie die Erwartung, Steroide steigern die Leistung, welche in der Folge zu besseren Ergebnissen führte.

Effekte bei Trainierten

Erst 30 Jahre später und mit neuen Erkenntnissen der Forschung wurden Folgestudien angestoßen, die eindrücklich dokumentieren, wie sich der Placeboeffekt auf sportliche Leistungen auswirkt.

Unter der Vorgabe, den Effekt von Koffein zu untersuchen, erhielten zum Beispiel trainierte RadsportlerInnen ein niedrig- oder hochdosiertes Koffein-Medikament oder ein Placebo. Das glaubten sie zumindest, denn sie bekamen alle Placebos. Bei nachfolgenden Tests verbesserte sich die Leistung der Gruppe mit scheinbar hochdosiertem Koffein deutlich, die der RadlerInnen mit vermeintlich niedriger Dosis etwas, und die Placebo-Gruppe wurde sogar schlechter. Die Erwartung war also die treibende oder bremsende Kraft.

Eine ausgefeilte Studie an der Standford-Universität wollte herausfinden, wie allein das Wissen über die eigene Fähigkeit die Trainingsleistung beeinflusst. Dafür wurde für jeden Teilnehmer ein Gentest ausgewertet, der die vermeintliche individuelle Prädisposition für körperliche Leistungsfähigkeit zeigte. Diese Tests wurden den ProbandInnen aber zugelost. Das Ergebnis: Die VersuchsteilnehmerInnen mit dem vermeintlich besten Leistungsprofil hielten auf dem Laufband länger durch, fühlten sich fitter und hatten die effizientesten Herz-Kreislauf-Werte. Die Erwartung, besonders leistungsfähig zu sein, beeinflusste sogar den Stoffwechsel.

Erwartungseffekte im Breitensport

Im Breitensport profitieren Menschen psychisch und neurophysiologisch mehr vom Training, wenn sie der Überzeugung sind, dass Sport guttut. Außerdem beeinflussen positive oder negative Informationen den Trainingseffekt. Das ergab eine Studie an der Universität Freiburg mit jungen Erwachsenen. Vor einem 30-minütigen Ergometertraining bekamen sie zum Teil Filme zu sehen, die die Vorzüge des Radfahrens lobten, sie füllten Fragebögen über ihre Einstellung zu Sport und ihre momentane Stimmung aus. Wer an die gute Wirkung von Sport glaubte oder die positiven Fahrrad-Filme gesehen hatte, entwickelte mehr Vergnügen auf dem Ergometer, die Stimmung verbesserte sich, und die ProbandInnen waren anschließend entspannter als die eher negativ eingestellten VersuchsteilnehmerInnen. Die positive Erwartungshaltung fördert möglicherweise die Motivation zum Sporttreiben, meinen die Freiburger StudienautorInnen.

Mehr zum Thema Sport und Placebo lesen Sie im Buch „Placebo 2.0 – Die Macht der Erwartung“ von Prof. Bingel, Prof. Schedlowski und Helga Kessler, Verlag rüffer & rub, 2019

Unsere Bitte

Erzählen Sie uns Ihre persönliche Geschichte mit dem Placeboeffekt! Medizin lebt auch von Erzählungen. Deshalb sammeln wir für den Sonderforschungsbereich „Treatment Expectation“ die vielfältigen Erfahrungen von PatientInnen mit ihren eigenen Erwartungen. Näheres finden Sie hier.

*Nach Rücksprache mit Patientinnen, Patienten und Vertretern von Patientenorganisationen haben wir uns entschieden, für die Texte, die sich direkt an Patienten wenden, in der Ansprache die weibliche und männliche Form oder ein großes Binnen-I anzuwenden. Ist dies nicht sinnhaft, haben wir zugunsten der besseren Verständlichkeit und des Leseflusses auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.