Eine medizinische Behandlung kann helfen, eine Krankheit oder ihre Symptome loszuwerden. Allerdings kann sie auch unangenehme Nebenwirkungen haben. Erstaunlich ist dabei, dass wir Nebenwirkungen manchmal bloß erleben, weil wir sie erwarten. Solche negativen Erwartungen sind die treibende Kraft des Noceboeffekts. Hier erklären wir, was dieser Effekt ist, wie er funktioniert und wie wir ihn vermeiden können.

Wer sich vor Nebenwirkungen fürchtet, spürt manchmal gerade deswegen welche. Deshalb lohnt es sich, optimistisch an eine medizinische Behandlung heranzugehen
„Egal, wie sehr wir uns bemühen und wie gut die Medikamente sind – letztlich können negative Wahrnehmungen und Emotionen wie Wirkung einer Therapie völlig zerstören“
Prof. Ulrike Bingel, Leiterin der Schmerzambulanz der Universitätsmedizin Essen und Placeboforscherin
Schlechte Erfahrungen machen Sorgen
Stell dir vor, deine Eltern geben dir einen Saft gegen dein Fieber, weil du erkältet bist. Sie erzählen, dass der Saft sehr gut gegen Fieber und Erkältungen helfe, sie aber selbst davon Bauchschmerzen bekommen haben und ihnen auch etwas schlecht wurde. Wenn du dann über die Bauchschmerzen und die mögliche Übelkeit nachdenkst, kann es passieren, dass du sie auch spürst. Deine Aufmerksamkeit wurde durch die Erfahrungen deiner Eltern beeinflusst. Je länger du darüber nachdenkst, desto mehr merkst du die Bauchschmerzen. Wenn deine Eltern die möglichen Nebenwirkungen dieses Medikaments gar nicht erwähnt hätten, hättest du vielleicht gar keine Bauchschmerzen bekommen.
Noceboeffekte in freier Wildbahn
Dieses Beispiel zeigt, dass wir manchmal etwas Negatives erleben, nur weil wir es erwarten. Selbst wenn du eine Zuckerpille bekommst und dir gesagt wird, dass es sich um ein Medikament mit Nebenwirkungen handelt, erlebst du vielleicht genau diese Nebenwirkungen. Die Zuckerpille wirkt dabei als sogenanntes Nocebo (diesen und weitere schwierige Begriffe erklären wir am Ende des Artikels). Das Wort stammt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt: „Ich werde schaden“.
Vielleicht hast du schon von dem Placeboeffekt gehört. Dieser bezieht sich auf positive Effekte, die Menschen spüren, wenn sie eine Scheinbehandlung erhalten. Sie bekommen z. B. von einer Ärztin eine Pille aus Zucker, also ohne einen Wirkstoff, gegen Schmerzen. Aber es geht ihnen trotzdem besser, und die Schmerzen sind fast verschwunden. Sie erwarten, dass es ihnen besser geht, weil die Ärztin ihnen versichert hat, dass die Pille gegen die Schmerzen helfen wird. Dagegen können Nocebos Schmerzen sogar verschlimmern. Sie werden deswegen manchmal als der „böse Zwilling“ des Placebos bezeichnet.
Noceboeffekte treten nicht nur auf, nachdem jemand eine Zuckerpille geschluckt hat, sondern können auch dazu führen, dass ein echtes Medikament weniger gut wirkt, Nebenwirkungen verursacht oder sogar bestehende Symptome verschlimmert. Das alles wird dabei vor allem durch negative Erwartungen an eine Behandlung verursacht. So ungefähr könnte deine negative Erwartung entstehen: „Meine Eltern haben gesagt, dass ich von diesem Saft vielleicht Bauchschmerzen bekommen werde, mein Bauch tut jetzt schon weh!“ Oder: „Dieser Saft schmeckt ganz eklig, der wird mir sicher nicht helfen oder sogar dafür sorgen, dass es mir noch schlechter geht als vorher.“ Wir wissen also, dass Noceboeffekte schädliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Gesundheit haben und durch unsere negativen Erwartungen an eine Behandlung hervorgerufen werden.
Die Macht negativer Erwartungen
Aber wie funktioniert das? Es gibt viele Faktoren, die unsere negativen Erwartungen beeinflussen und die Noceboeffekte auslösen können. Das funktioniert sogar, ohne dass wir es bewusst merken. Vier Faktoren sind dabei ganz besonders wichtig:
Was uns andere erzählen. Wer uns Informationen vermittelt und wie dies geschieht, prägt unsere Erwartungen. Allein dadurch, dass man Menschen von möglichen Nebenwirkungen erzählt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Nebenwirkungen auftreten. Dabei ist die Wortwahl wichtig: In einem Experiment empfanden Patienten und Patientinnen, die eine Spritze erhielten, mehr Schmerzen, wenn man ihnen vorher sagte: „Die Nadel wird sich wie ein Bienenstich anfühlen, und dann ist das Schlimmste vorbei“. Wenn aber der Arzt oder die Ärztin stattdessen sagte: „Diese Spritze wird gegeben, damit Sie sich wohlfühlen“, berichteten die Behandelten über weniger Schmerzen.
Was um uns herum geschieht. Wie stark der Noceboeffekt ist, hängt auch von der Art der Behandlung ab: Eine Injektion mit einer Spritze oder eine Operation kann bedrohlicher erscheinen als eine Creme oder eine Tablette. Bei den ersten beiden Beispielen könntest du deswegen mehr Nebenwirkungen spüren. Wie bereits erwähnt, können Noceboeffekte auch davon abhängen, ob du die Behandlung für teuer oder billig hältst. Sie können auch davon beeinflusst werden, wie der Arzt, die Ärztin oder sogar die Praxis aussehen: Ganz ehrlich, wem wird nicht ein wenig mulmig, wenn er nur noch lauter weiße Laborkittel sieht und das beißende Desinfektionsmittel im Krankenhaus riecht?
Was wir erlebt haben. Auch unsere Erinnerungen und Erfahrungen, die wir gemacht haben, spielen eine große Rolle bei Noceboeffekten. Wenn du schon einmal Hustensaft einnehmen musstest, der bitter oder ekelig geschmeckt hat, kann es sein, dass dir beim nächsten Mal bereits beim Anblick der Flasche schlecht wird. Diese unangenehme Erinnerung kann stärker sein als die Tatsache, dass der Hustensaft dir dabei geholfen hat, wieder gesund zu werden. Ein Mechanismus namens „klassische Konditionierung“ macht dies möglich. Interessanterweise funktioniert das Lernen aus negativen Erfahrungen sogar dann, wenn man die negativen Auswirkungen nur bei anderen Menschen beobachtet: Wenn du siehst, wie sich ein Freund oder eine Freundin nach der Einnahme eines Medikaments schlecht fühlt, denkt dein Gehirn automatisch, dass es dir wahrscheinlich genauso gehen wird, wenn du das gleiche Medikament einnimmst. Manchmal reicht es sogar, Berichte im Internet oder in Zeitungen zu lesen. Ist es nicht erstaunlich, dass unser Gehirn all diese Zusammenhänge herstellt, obwohl wir selbst gar keine negativen Erfahrungen gemacht haben?
Wer wir sind. Wie wir uns fühlen und was wir denken, ist für die Entstehung von Noceboeffekten wichtig. Unsere Stimmung kann eine Rolle spielen, z. B. wie nervös, besorgt oder gestresst wir sind, wenn wir Medikamente einnehmen. Auch neigen bestimmte Menschen einfach dazu, stärkere Noceboeffekte zu haben als andere. Die Forschung hat Hinweise gefunden, dass diese Unterschiede durch unsere Gene, also unser Erbgut, verursacht werden – aber auch durch die Art, wie unser Gehirn arbeitet. Das geschieht vor allem in unseren ersten Lebensjahren, wenn wir noch ganz klein sind, aber auch später, wenn wir schon älter sind.
Wie das Gehirn unsere Gedanken und Gefühle beeinflusst
Wie kommen diese komplexen Verbindungen zustande? Unser Gehirn ist ein leistungsfähiges Organ, und unsere Gedanken und Gefühle haben einen großen Einfluss darauf, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Erinnerungen und Überzeugungen spielen eine wichtige Rolle dabei, wie du etwas erlebst. Wenn wir glauben, dass etwas Schlimmes passieren wird (zum Beispiel, weil ein Arzt oder eine Ärztin uns das sagt), wird es wahrscheinlich auch eintreten, weil wir dem Ereignis mehr Aufmerksamkeit schenken. Dieser Effekt wird auch als „selbsterfüllende Prophezeiung“ bezeichnet.
Behandlungen und Nebenwirkungen – selbst wenn es sich nur um eine Zuckerpille handelt – können sehr reale Auswirkungen auf unser Gehirn haben. Wenn Menschen zum Beispiel glauben, dass eine Behandlung zu Schmerzen führt, aktiviert diese Behandlung Teile des Gehirns, die normalerweise bei Schmerzen aktiv sind. Dies geschieht selbst dann, wenn es sich nicht um eine echte Behandlung handelt und diese gar keine Schmerzen verursacht.
Auch die Botenstoffe in unserem Gehirn, sogenannte Neurotransmitter, verändern sich bei negativen Erwartungen. Bereits die Angst vor Schmerzen löst die Freisetzung einer Substanz namens Cholecystokinin aus. Diese Substanz schafft es, dass unsere Nervenzellen Schmerzsignale leichter weiterleiten. Dadurch empfinden wir dann den Schmerz stärker.
Gleichzeitig sind zwei Botenstoffe, die Schmerzen lindern können, im Gehirn dann seltener zu finden: Sogenannte körpereigene Opioide, die normalerweise für die Dämpfung eintreffender Schmerzsignale verantwortlich sind, und Dopamin, das Belohnungsgefühle fördert, wenn eine Schmerzlinderung erwartet wird. Diese wichtigen Erkenntnisse über Noceboeffekte zeigen, dass Gedanken-Prozesse, die zu bestimmten Erwartungen führen, messbare Veränderungen in unserem Nervensystem verursachen.
Wie man dem „bösen Zwilling“ entgegenwirkt
Wenn du Nebenwirkungen spürst, könnte dein erster Impuls sein, die Behandlung sofort abzubrechen. Das ist genau eines der Probleme bei Noceboeffekten: Sie können einen Patienten oder eine Patientin dazu bringen, ein Medikament abzusetzen, selbst wenn die positiven Aspekte eigentlich, im Vergleich zu den Nebenwirkungen, überwiegen und es ihm/ihr helfen würde. Wir können auf die folgenden drei Dinge achten:
- Was erzählt mir jemand? Die Wahl der richtigen Worte kann manchmal Wunder wirken. Anstatt zu sagen: „Manche Personen leiden unter Schwindelgefühlen bei diesem Medikament“, könnte man sagen: „Die meisten Personen vertragen es gut.“ Das nennt man „positives Framing“. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass schon die bloße Aussage „Du wirst wahrscheinlich krank” deine Gesundheit beeinflussen kann. Besser ist es, positive Gedanken zu fördern: „Mit gesunder Ernährung und Bewegung können Sie einer Krankheit vorbeugen.“ Ebenso sollten Journalisten und Journalistinnen vorsichtig sein mit dem, was sie in ihren Artikeln schreiben, denn diese Informationen können stark beeinflussen, wie Menschen bestimmte Behandlungen sehen. Wenn man z. B. liest, dass sich viele Menschen nach der Corona-Impfung krank fühlten, kann das die eigene Einstellung zur Impfung negativ beeinflussen.
- Wie sagt mir jemand was? Es ist wichtig, dass Ärzte und Ärztinnen, Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen, aber auch Therapeuten und Therapeutinnen gut über den starken Einfluss von Noceboeffekten informiert sind. Da wir gerne auf Experten und Expertinnen hören, sollten diese darauf achten, wie sie mit uns über eine Behandlung sprechen, da dies die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Behandlung beeinflussen kann. Es ist daher sehr wichtig, dass wir alle Menschen, die Medikamente einnehmen, richtig informieren und aufklären. Eine unterstützende, aber ehrliche Beschreibung der Nebenwirkungen kann dazu beitragen, Noceboeffekte zu vermeiden.
- Sprich mit anderen Menschen! Wenn du verschiedene Menschen in deiner Umgebung nach ihren Erfahrungen mit Medikamenten fragst, kannst du Fehlinformationen und falschen Vorstellungen vorbeugen. Ein einzelnes schlechtes Beispiel bedeutet nicht, dass etwas immer schlecht sein wird. Wenn wir ehrlich über Nebenwirkungen sprechen und gleichzeitig über Noceboeffekte sprechen, können wir unerwünschte negative Reaktionen verhindern.
Du solltest deine Schwester oder deinen Bruder, wenn sie/er sich nach der Einnahme von Medikamenten schlecht fühlt, also nicht auslachen und sagen, dass das „nur Einbildung“ sei. Selbst wenn eine Nebenwirkung „nur“ durch Erwartungen verursacht wird, ist das Leiden, das aus diesen Erwartungen entsteht, echt. Jetzt, da du den Noceboeffekt kennst, solltest du bei der nächsten Medikamenteneinnahme aktiv vorbeugen, indem du alle Informationen und Tipps aus diesem Artikel nutzt. Wenn du unsicher bist: Frage deine Ärztin und/oder deine Eltern noch mal genau, wozu die Behandlung wichtig ist!
Glossar: Hier erklären wir einzelne Fachbegriffe
Ein Placebo (aus dem Lateinischen placebo "ich werde gefallen") ist ein Medikament oder eine Behandlung, die keinen Wirkstoff enthält und somit keine pharmakologische Wirkung hat. Placebos fördern positive Erwartungen und können so die Heilung unterstützen.
Eine erste Fassung dieses Artikels ist erschienen im Magazin „In-Mind“:
Hartmann, H., Potthoff, J., Asan, L., & Bingel, U. (2023). Der Nocebo-Effekt: Der “böse Zwilling” des Placebos. Das In-Mind Magazin, 2.
https://de.in-mind.org/article/der-nocebo-effekt-der-boese-zwilling-des-placebos