Wie verarbeitet unser Gehirn Wahrnehmungen aus dem Körperinneren, insbesondere unangenehme Signale und Schmerzen aus dem Magen-Darm-System? Und welchen Einfluss haben „Bauchgefühle“ auf unser Denken, Fühlen und Verhalten? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich Prof. Sigrid Elsenbruch an der Ruhr-Universität Bochum

Dr. Sigrid Elsenbruch, Professorin für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum
Mich faszinieren die Verbindungen von Körper und Geist, deshalb sehe ich physiologische Prozesse immer im Zusammenhang mit psychologischen Phänomenen.
Universitätsprofessorin Dr. Sigrid Elsenbruch, Professorin für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum, Mitglied der Medizinische Fakultät am Universitätsklinikum Essen und Projektleiterin im Sonderforschungsbereich „Treatment Expectation“ (SFB/TRR 289)
Als experimentelle Psychologin und Neurowissenschaftlerin mit dem Forschungsschwerpunkt „Interozeption und Viszeralschmerz“ konzentriere ich mich auf psychologische Faktoren und zugrundeliegende neurobiologische Mechanismen der Darm-Hirn Achse. Mich interessieren vor allem akute und chronische viszerale Schmerzen, zum Beispiel bei Endometriose, Reizdarmsyndrom und Colitis ulcerosa.
Die grundlegenden Fragen sind dabei: Wie verarbeitet unser Gehirn Informationen aus dem Körperinneren, zum Beispiel aus dem Gastrointestinalsystem? Was macht die interozeptive Schmerzmodulation durch Emotionen und Kognition klinisch so besonders bedeutsam? Welche Rolle spielen Stress und kognitiv-affektive Prozesse bei der Symptomwahrnehmung und der Chronifizierung einerseits und dem Therapieerfolg andererseits?
Als Teilprojektleiterin im Sonderforschungsbereich SFB 1280 „Extinction Learning“ und im Transregio-SFB 289 „Treatment Expectation“ führe ich translationale Forschungsarbeiten zur Rolle von Stress, Erwartungen und zu emotionalen Lern- und Gedächtnisprozessen durch.
Die psychologischen und sozialen Ursachen von Krankheiten besser verstehen
Neben dieser Forschungsarbeit bin ich auch Direktorin der Hochschulambulanz für Psychotherapie mit Schwerpunkt Schmerz. Mit der Hochschulambulanz will ich Patienten ein Behandlungsangebot machen, und eben nicht nur experimentell arbeiten. Das Ziel ist, neurobiologische und psychologische Facetten dieser komplexen bio-psycho-sozialen Erkrankungen besser zu verstehen, um so insbesondere durch verhaltenstherapeutische Ansätze und Konzepte aus der Placebo- und Noceboforschung bestehende psychologische Therapieangebote zu verbessern.
Zudem leite ich die Beratungsstelle für Medizinstudierende. Und das bedeutet: Ich bin auch in den organisatorischen Bereich der Medizinischen Fakultät über die Lehrtätigkeit hinaus stark involviert und setze mich für strukturelle Verbesserungen im universitären Kontext ein. Ich bin in vielen Kommissionen und ich gebe zu, dass man oft für diese Arbeit keine großen Lorbeeren erntet, manchmal sogar das Gegenteil, aber für mich ist das neben der Forschung, Lehre und Administration eine Herzensangelegenheit. Dabei geht es auch darum, Aspekte der Diversität in unserer akademischen Welt im Blick zu haben und beispielsweise die Bedingungen für Frauen in der Wissenschaft weiter zu verbessern.
Die Gesundheit eines Menschen hängt auch von seinem Einkommen, Bildungsstand und kulturellen Einflüssen ab.
Als Professorin für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie möchte ich den Studierenden den großen Einfluss des sozialen und gesellschaftlichen Umfelds auf Krankheit und Gesundheit vermitteln. Es geht um den Zugang zum Gesundheitssystem, Einkommens- und Bildungsfragen und kulturelle Einflüsse auf das Gesundheitsverhalten.
Die unterschiedliche Verteilung der Krankheitslast vieler Erkrankungen in unserer Gesellschaft steigt kontinuierlich an, und diesem Fakt liegen eben nicht nur biologische, sondern auch psycho-soziale Faktoren zugrunde.
Prof. Sigrid Elsenbruch: Wie beeinflussen sogenannte „Bauchgefühle“ unser Denken, Fühlen und Verhalten?
Wie verarbeitet das menschliche Gehirn Wahrnehmungen aus dem Körperinneren, insbesondere aversive Signale aus dem Magen-Darm-System? Und wie können sogenannte „Bauchgefühle“ unser Denken, Fühlen und Verhalten beeinflussen? Diese spannenden Fragen stehen im Mittelpunkt meiner Forschungstätigkeit.
Die Darm-Hirn-Achse spielt bei vielen Erkrankungen eine große Rolle
Wir wissen: Über die Darm-Gehirn-Achse ist unser Gehirn mit dem Verdauungstrakt eng verknüpft. Diese wechselseitigen Verbindungen spielen besonders im Kontext chronischer Bauchschmerzen und bei der Entstehung affektiver Störungen eine wichtige Rolle.
Die normale und veränderte Perzeption aus dem Körperinneren (Interozeption) und ihre neuronale Repräsentation im Gehirn sind allerdings bislang nur unzureichend verstanden. Aus neurowissenschaftlicher Perspektive ergeben sich daraus faszinierende Fragestellungen an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und Klinik, um die komplexen Interaktionen zwischen Gehirn und Körperperipherie besser zu verstehen.
Breite Kooperationen für experimentelle Studien
Wir führen Experimente mit Probandinnen und Probanden (Verhaltensexperimente, funktionelle Magnetresonanztomografie, Patientenstudien) durch, in denen wir untersuchen, wie Stress, Erwartungen und Lernprozesse die Wahrnehmung und Bewertung von viszeralen und somatischen Schmerzen beeinflussen.
Besonders interessiert uns die Rolle von Entzündungsprozessen und Stresshormonen bei akuten und chronischen Schmerzen. Dabei kooperieren wir eng mit unterschiedlichen Fachgebieten der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Duisburg-Essen und anderen deutschen und internationalen Universitäten.
„Das Thema Reizdarm war perfekt für mich“
Wie ich als Psychologin zu diesem Forschungsbereich gekommen bin:
Woher kam das Interesse? Ich weiß es nicht. Es war einfach da. Ich bin naturwissenschaftlich geprägt, habe mich aber immer für den Menschen, das Erleben und Verhalten interessiert. Als ich studiert habe, wollten 80 bis 90 Prozent aller PsychologiestudentInnen PsychotherapeutInnen werden. Ich aber wollte genau verstehen, was da passiert – und weder Medizinerin noch Psychotherapeutin werden.
Deshalb habe ich mir den Modellstudiengang naturwissenschaftlich orientierte Psychologie in Düsseldorf ausgesucht und mich immer weiter für die Schnittstellen interessiert. An der Uni in Oklahoma gab es einen ähnlichen Studiengang, also habe ich dort als Austauschstudentin in einem Labor im Krankenhaus gearbeitet und lernte einen Professor kennen, der sich für Schlaf, Reizdarm und Motilitätsstörungen des Magen-Darm-Traktes interessierte.
Das Thema Reizdarm war perfekt für mich. Es ist ein Störungsbild, bei dem körperliche Faktoren und die Psyche eine große Rolle spielen und sich gegenseitig beeinflussen. Genau darum ging es auch in meiner Promotion.
Damals habe ich bereits den Kortisolspiegel als Stressantwort bei Patienten gemessen und auch die Reaktionen des vegetativen Nervensystems aufgezeichnet. Diese Kombination aus psychologischen und biologischen Maßen war für mich damals der Forschungsansatz der Wahl und ist es bis heute geblieben, ergänzt natürlich um ein breiteres Spektrum an Messvariablen.
Methoden der Hirnbildgebung, die für uns heute selbstverständlich sind, waren zum Zeitpunkt meiner Promotion Ende des letzten Jahrhunderts noch nicht so breit verfügbar für die Forschung. Der Reizdarm ist eine modellhafte Erkrankung, und so kam ich an die Universitätsmedizin Essen zu Prof. Manfred Schedlowski an das Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie und konnte dort auch in die Hirnbildgebung starten. Hier konnte ich so meine Interessen weiterverfolgen – für fast 20 Jahre. Und mit einer Heisenberg-Professur war es dann möglich, eigenständig zu forschen. So hat sich für mich alles zusammengefügt.
Warum die Placeboforschung für mich so faszinierend ist:
Erwartungseffekte, Kontextfaktoren, Stress und negative Erwartungen sind ein Schlüssel, um zu verstehen, warum chronische Bauchschmerzen so schlecht zu therapieren sind. Es braucht lange bis zur Diagnose, und manche PatientInnen berichten von negativen Therpieerfahrungen über zehn Jahre. Das verändert – meist unbewusst – Erwartungen, aber man kann Lernprozesse verändern und den Teufelskreis durchbrechen. Deshalb ist dieser Bereich hochspannend, und für uns gibt es noch zu viel zu tun. Ein weiterer Punkt ist für mich: Bei dieser Forschung hat man immer verschiedene Kompetenzen an einem Tisch, das ist sehr bereichernd. Ich war schon lange Teil der Forschungsgruppe um Prof. Ulrike Bingel, denn mit dem Interesse an Stress und Reizdarm war es nur logisch, in diese Erwartungsforschung zu gehen.
Was mir Freude im Leben bereitet.
Wandern, Natur, Berge. Ich würde sagen, dass das Naturerleben eine große Freude für mich ist. Es ist übrigens nicht der Leistungsgedanke, der mich antreibt. Es muss beileibe nicht der höchste Berg sein, der zu bezwingen ist, aber eine herrliche Pyrenäenwanderung zum Beispiel, in einer netten Gruppe oder mit der Familie, ist einfach wunderbar. Außerdem versuche ich regelmäßig zu joggen, um mich fit zu halten. Meine zweite Leidenschaft ist mein Chor – Schumann, Mendelssohn, nichts Modernes. Und dann habe ich noch zwei Kinder. Langeweile kenne ich nicht.
Was mich jeden Tag bei meiner Arbeit begeistert:
Ich mag den Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen und die Diskussion mit verschiedenen Gehirnen. Das ist immer bereichernd. Eigentlich geht es mir immer um den Menschen, im KollegInnen- wie PatientInnenkreis. Aber manchmal sitzt man als Wissenschaftlerin auch alleine am Schreibtisch, um Publikationen zu verfassen. Aber auch hier versuche ich so oft es geht, mit KollegInnen zusammen zu schreiben. Das macht einfach mehr Spaß und bringt uns alle weiter. Eigentlich könnte ich es mal ruhiger angehen lassen, aber das gelingt mir noch nicht so recht.