Wie reagiert das Gehirn auf Psychopharmaka? Wie beeinflusst unsere Vorerfahrung die Wirksamkeit von Behandlungen? Und wie können wir dieses Wissen für eine bessere Behandlung von psychischen Erkrankungen nutzen? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich Prof. Tilo Kircher am Universitätsklinikum Marburg

Prof. Tilo Kircher

Prof. Dr. med. Tilo Kircher ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Marburg

Ein bedeutsamer Anteil der Wirkung von Psycho- und Pharmakotherapie basiert auf Erwartungseffekten.

Prof. Tilo Kircher, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Marburg

An der Marburger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, deren Direktor ich bin, behandeln wir Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen auf unseren Stationen wie auch in unserer Ambulanz. Hierbei setzen wir die gesamte Bandbreite an diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten ein, die an einer Universitätsklinik zur Verfügung stehen. Einen Teil meiner Arbeitszeit widme ich auch der Forschung. Diese Doppelrolle als Mediziner und Wissenschaftler, in meinem Fall der Psychiatrie, Psychotherapie und der Neurowissenschaften, bezeichnet man auch als „Clinician Scientist“.

Und hier interessieren mich und mein Team viele spannende Fragen:

Wie reagiert das Gehirn auf Psychotherapie und auf Psychopharmaka, und wie beeinflusst unsere Vorerfahrung die Wirksamkeit von Behandlungen?

Welche Bedeutung haben die Erwartungen und Vorerfahrungen der PatientInnen auf den Behandlungserfolg? Und wie können wir diese Effekte für eine bessere Behandlung von psychischen Erkrankungen nutzen?

Wie vermeiden wir die schädlichen Effekte von negativen Erwartungen, Ängsten und Sorgen – die sogenannten Noceboeffekte?

Die Antworten auf diese Fragen könnten unsere – schon sehr guten – Behandlungen noch wirksamer und verträglicher machen, sodass wir PatientInnen zum Beispiel mit Depression, aber auch mit anderen Erkrankungen noch besser helfen können.

Ich habe in München und Seattle, USA, studiert. Anschließend war ich als Assistenz- und Oberarzt an den Universitätskliniken für Psychiatrie und Psychotherapie in München (LMU) und Tübingen tätig. Zwei Jahre lang habe ich währenddessen als Stipendiat in London geforscht. Nach meiner Tätigkeit von 2004 bis 2008 als Professor an der RWTH Aachen bin ich seit 2009 Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Marburg.

Prof. Tilo Kircher: Arzt und Wissenschaftler

Wie ich mich auf den Bereich Psychiatrie und Psychotherapie festgelegt habe.
Zwei Fragen beschäftigen mich schon seit meinem jungen Erwachsenenalter. Wie funktioniert der hochkomplexe menschliche Körper? Und insbesondere, wie funktioniert das Gehirn? Zum anderen wusste ich immer schon, dass menschliches Leben, Verhalten und Befinden sich nicht nur mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen erklären lassen, sondern dass es Bereiche gibt, die durch geisteswissenschaftliche und künstlerische Fächer besser abgebildet werden können. So habe ich mich immer schon auch für Literatur und ein wenig für Philosophie interessiert. In dem einen Fach Psychiatrie und Psychotherapie sind diese beiden Aspekte nun ideal vereinigt. Als Arzt erfahre ich von meinen Patientinnen und Patienten die ganze Bandbreite seelischen Erlebens. Als Wissenschaftler kann ich mit funktioneller Kernspintomografie erforschen, wie sich Erleben, Verhalten und Befinden im Gehirn darstellen.

Warum die Placeboforschung für mich so faszinierend ist.
Schon als Student und junger Assistenzarzt habe ich beobachtet, wie erfahrene Oberärzte und -ärztinnen und KlinikdirektorInnen in der Inneren Medizin wie auch der Psychiatrie durch kurze körperliche Untersuchung oder die in Aussichtstellung der Genesung nonverbal wie auch verbal zum einen persönlichen Kontakt herstellten und zum anderen auch positive Heilungserwartung im Patienten bzw. der Patientin erzeugten. Diese optimistische Erwartung, die in den Patientinnen und Patienten ausgelöst wird, hat tatsächlich Einfluss auf die Heilungschancen, wie wir mittlerweile aus Studien wissen. Was dabei im Gehirn der Personen vor sich geht und über welche Mechanismen die größeren Heilungschancen sowohl bei körperlichen als auch bei psychischen Erkrankungen vermittelt werden, ist eine extrem spannende und weiterhin in weiten Teilen ungelöste Frage. Ich habe nun das große Privileg, in einer großen Gruppe von hervorragenden WissenschaftlerInnen diesen Fragen nachzugehen, die ich allein nicht beantworten könnte. In unserem Forschungsverbund trägt jeder Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin mit seinen bzw. ihren Spezialkenntnissen zur Forschung bei diesen spannenden Fragen bei.

Was mir Freude im Leben bereitet.
Ich bin sehr froh, dass ich als Psychiater an einer Universitätsklinik in Deutschland arbeiten kann. Besonders viel Freude macht mir der direkte Umgang mit Patientinnen und Patienten, wenn ich erfahre, was diese in ihrem Innersten bewegt, und wenn ich dann sehe, dass es ihnen durch unsere Behandlung besser geht. Als Wissenschaftler denke ich mir gern neue Projekte aus, weil es so viele spannende Fragen gibt. Dann freut es mich, wenn wir die Ergebnisse der Forschungsprojekte vorliegen haben und uns diese im Team von Mitarbeitenden ansehen, interpretieren und diskutieren. Dabei ist es für mich besonders inspirierend, mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fachrichtungen der Medizin, der Typologie, den Neurowissenschaften und anderen Lebenswissenschaften zu diskutieren und von deren Erkenntnissen zu erfahren.

Privat bin ich sehr gern in der Natur und freue mich über die Zeit, die ich mit meiner Familie verbringen kann.

*Nach Rücksprache mit Patientinnen, Patienten und Vertretern von Patientenorganisationen haben wir uns entschieden, für die Texte, die sich direkt an Patienten wenden, in der Ansprache die weibliche und männliche Form oder ein großes Binnen-I anzuwenden. Ist dies nicht sinnhaft, haben wir zugunsten der besseren Verständlichkeit und des Leseflusses auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.