Noceboeffekte sind im Pflegealltag allgegenwärtig und können großen Schaden anrichten. Deshalb hat Prof. Sven Benson für die „Pflegezeitschrift“ die Dos und Don`ts in der Kommunikation aufgeschrieben und die Hintergründe erklärt. Herausgekommen ist ein Kommunikations-Manual für die praktische Pflege.
„Ist Ihnen wirklich nicht übel? Sie sehen ganz bleich aus. Ihnen muss doch schlecht sein.“ Wenn ein gerade operierter Patient diese Sätze der Pflegefachkraft hört, wird ihm wahrscheinlich (erst recht) übel. Zu verdenken wäre es ihm jedenfalls nicht. Denn eine solche unbedachte Kommunikation kann Noceboeffekte hervorrufen – und dem Patienten damit schaden.
Der Noceboeffekt ist der „böse Zwilling“ des wesentlich bekannteren Placeboeffekts. Durch negative Informationen oder Erwartungen und durch Ängste können Symptome verschlimmert und Nebenwirkungen verursacht werden. Aber Noceboeffekte lassen sich auch zum Wohle von Patientinnen und Patienten reduzieren.
„Der Schlüssel liegt in einer guten, ausgewogenen Kommunikation, die Risiken erklärt, aber auch Nutzen und Ziele betont“, schreibt ein Autorenteam um Prof. Sven Benson vom Universitätsklinikum Essen in der Ausgabe 4/2026 des Fachmagazins „Pflegezeitschrift“. Prof. Benson ist selbst examinierter Krankenpfleger, als Diplompsychologe Leiter des Instituts für Didaktik in der Medizin und Projektleiter im transregionalen Sonderforschungsbereich (SFB/TRR 289) „Treatment Expectation“. Der SFB erforscht, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, Placebo- und Noceboeffekte in der Medizin.
Noceboeffekte vermeiden – gerade auch in der Pflege
Noceboeffekte entstehen, wenn Menschen negative Erwartungen haben, beispielsweise Angst vor Schmerzen oder Nebenwirkungen. Diese Erwartungen können Beschwerden verstärken, neue Symptome auslösen oder sogar die Wirkung von Medikamenten abschwächen. Ursache hierfür sind messbare Veränderungen im Gehirn und im Stresssystem. Oft entstehen solche Effekte durch angsteinflößende Informationen, schlechte Vorerfahrungen, die Beobachtung anderer Personen oder eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Körper.
Buchtipp: In ihrem neuen Werk „Der Placebo-Effekt: Wissenswertes für Gesundheitsberufe“ haben Dr. Lorenz Peters, Dr. Helena Hartmann, Prof. Ulrike Bingel und Prof. Sven Benson aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse und Anwendungsbeispiele für die Praxis kompakt zusammengetragen. Mehr Info hier
Das beschriebene Kommunikationsbeispiel zeigt: Pflege ist mehr als die korrekte Planung und Ausführung von Pflegemaßnahmen. Denn die Art, wie kommuniziert wird, und der Kontext, in dem dies geschieht, sind selbst eine Intervention. Kommunikation mit Patienten und Patientinnen kann unterstützen oder schaden, indem sie neurobiologische Prozesse auslöst, die sich auf den Körper und auf Symptome auswirken.
Was ist die Lösung? „Eine transparente und ehrliche, aber zugleich einfühlsame und erwartungssensible Kommunikation kann helfen, Noceboeffekte zu reduzieren und somit Behandlungen zu unterstützen.“ Dies ist das Fazit von Prof. Sven Benson und seinen Ko-AutorInnen Prof. Ulrike Bingel, Leiterin des Zentrums für Schmerzmedizin am Universitätsklinikum Essen, der Psychologin Dr. Helena Hartmann von der Klinik für Neurologie und des Neurologen und Physiologen Dr. Lorenz Peters vom Institut für Didaktik in der Medizin. Sie sind alle auch im Team des SFBs „Treatment Expectation“, Prof. Bingel als Sprecherin des 100-köpfigen Teams in Essen, Marburg und Hamburg.
Erwartungssensible Kommunikation ist eine Gratwanderung
In der Kommunikation mit Patientinnen und Patienten steht das Fachpersonal vor einem Dilemma: Einerseits muss es transparent über Risiken aufklären, andererseits möchte es keine Noceboeffekte auslösen. Eine Lösung für dieses Dilemma liegt in der Art der Kommunikation. Statt – wie es nicht selten geschieht – Risiken und Nebenwirkungen lediglich aufzulisten, um so der Aufklärungspflicht Genüge zu tun, sollten die Risiken ausgewogen dargestellt und erläutert werden. Dazu zählt, neben den Risiken auch die Ziele und den Nutzen einer Behandlung oder Untersuchung zu betonen, damit Nutzen und Risiken ausgewogen wahrgenommen werden.
Lernen am Beispiel
Zahlreiche Formulierungsvorschläge und Praxisbeispiele zeigen in dem neuen Fachartikel für Pflegekräfte, wie erwartungssensible Kommunikation in der Praxis funktionieren kann. Statt „Es könnte zu einer Infektion kommen“ kann man auch positiv sagen: „Wir desinfizieren sorgfältig, um einer Infektion vorzubeugen.“ Empathie und Vertrauen sind entscheidend. Deshalb den Blickkontakt halten, eine zugewandte Körperhaltung einnehmen und Anteilnahme signalisieren: „Ich sehe, dass Sie sich Sorgen machen, lassen Sie uns doch gemeinsam schauen, wie wir das beste Ergebnis erreichen.“
Originalarbeit:
Benson, S., Hartmann, H., Peters, L. et al. Wenn Worte schaden: Der Nocebo-Effekt. Pflegez 79, 24–27 (2026). https://doi.org/10.1007/s41906-026-3031-2
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