Die Professorin für Klinische Neurowissenschaften Ulrike Bingel erklärt, warum das Exponat „Die Kraft der Erwartung“ auf dem Ausstellungsschiff „MS Wissenschaft“ für die Zukunft der Medizin so wichtig ist und was Besuchende lernen können.

Prof. Ulrike Bingel ist Neurologin, Professorin für Klinische Neurowissenschaften und Leiterin des Zentrums für Schmerzmedizin am Universitätsklinikum Essen. Als Sprecherin vertritt sie den Sonderforschungsbereich „Treatment Expectation“, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
Frau Bingel, warum beteiligt sich der Sonderforschungsbereich „Treatment Expectation“ mit einem Exponat auf der MS Wissenschaft?
Unsere Forschung im Sonderforschungsbereich „Treatment Expectation“, auf Deutsch „Behandlungserwartung“, zeigt deutlich, dass Erwartungen den Behandlungserfolg jeder therapeutischen Maßnahme maßgeblich beeinflussen können – sowohl positiv als auch negativ. Positive Erwartungen können Symptome lindern und Therapien wirksamer machen, das ist der Placeboeffekt. Negative Erwartungen hingegen können Beschwerden verstärken, Nebenwirkungen begünstigen und die Wirksamkeit von Medikamenten reduzieren, das nennt man Noceboeffekt. Erwartungen von Patientinnen und Patienten sollten daher in der Behandlung gezielt berücksichtigt werden. Obwohl Erwartungseffekte jede medizinische Behandlung begleiten, wird ihr Einfluss im Alltag häufig unterschätzt oder sogar als „Störgröße“ betrachtet. Tatsächlich aber gilt: Placebo- und Noceboeffekte sind keine Randnotiz der Medizin, sondern ein zentraler Bestandteil jeder Therapie.
Mit unserem Exponat des Sonderforschungsbereichs „Treatment Expectation“ möchten wir diese Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen – insbesondere Zielgruppen, die wir sonst schwer erreichen, wie Schulklassen, junge Erwachsene sowie auch ältere Menschen. Unsere Ausstellung auf der MS Wissenschaft vermittelt anschaulich und interaktiv, wie stark Erwartungen unsere Gesundheit und Genesung beeinflussen – und welche zentrale Rolle die Kommunikation mit Ärztinnen und Ärzten sowie anderen im Gesundheitsbereich Tätigen dabei spielt.
Was sind die neuen Erkenntnisse?
Placeboeffekte beruhen auf komplexen psychoneurobiologischen Prozessen im Gehirn und Körper. Vertrauen in eine Therapie kann nachweislich Mechanismen im Körper aktivieren, die den Erfolg der Behandlung verstärken. Man kann dies auch als eine Art „körpereigene Apotheke“ beschreiben.
Für die Placeboanalgesie, also die Effekte einer positiven Erwartung auf Schmerz, sind die zugrunde liegenden Mechanismen inzwischen besonders gut erforscht. Mit der funktionellen Magnetresonanztomografie lässt sich zeigen, dass dabei bestimmte Areale im Gehirn, etwa schmerzlindernde Systeme, aktiviert werden. Eine positive Erwartung verändert, wie Schmerzen im Nervensystem verarbeitet und wahrgenommen werden. Es kommt zur Ausschüttung von Neurotransmittern wie körpereigenen schmerzhemmenden Opioiden, die sogar die Weiterleitung von Schmerzreizen im Rückenmark beeinflussen können.
Dass Erwartungen den Behandlungserfolg maßgeblich beeinflussen, zeigt sich auch bei verschiedenen Erkrankungen und medizinischen Eingriffen – etwa bei Depressionen, Parkinson-Krankheit, Psoriasis, beim Reizdarmsyndrom sowie nach herzchirurgischen Eingriffen oder Knie- und Hüftoperationen.
Warum ist das Wissen über Erwartungseffekte für alle wichtig?
Dieses Wissen betrifft nicht nur Patientinnen und Patienten, sondern alle, die im Gesundheitswesen arbeiten – von Pflegekräften über medizinische Fachangestellte bis hin zu ÄrztInnen, TherapeutInnen und ApothekerInnen. Gleichzeitig profitieren wir alle auch als Patientinnen und Patienten davon, denn positive Erwartungen lassen sich gezielt nutzen und negative – sogenannte Noceboeffekte – reduzieren.
Besonders wichtig ist dabei ein bewusster Umgang mit Gesundheitsinformationen:
Unklare oder beängstigende Kommunikation – etwa zu Nebenwirkungen ohne ausreichende Einordnung – sowie Desinformation aus sozialen Medien können negative Erwartungen verstärken und damit den Behandlungserfolg beeinträchtigen.
Was bedeutet das für die klinische Praxis?
Gute Kommunikation in der Medizin ist kein „Soft Skill“. Sie ist ein elementarer Bestandteil jeder Behandlung, deshalb sollten verständliche Gesundheitsinformationen und ein klares Erwartungsmanagement konsequent in jede Therapie integriert werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist: Es gibt ein sogenanntes Behandlungsgedächtnis. Die Erfahrung mit jeder Therapie wird in unserem Gedächtnis gespeichert – sowohl positive als auch, besonders nachhaltig, negative.
Diese Lernerfahrungen von Patientinnen und Patienten sollten als wichtige Dimension von Behandlungen anerkannt und systematisch berücksichtigt werden.
Was kann man selbst tun?
Jeder Mensch kann aktiv dazu beitragen, den eigenen Behandlungserfolg positiv zu beeinflussen. Machen Sie sich bewusst, dass Ihre Erwartungen eine Wirkung haben. Stellen Sie Fragen und teilen Sie insbesondere Ihre Sorgen und Ängste mit den Behandelnden. Klären Sie für sich, welches Ziel Ihre Behandlung hat und welchen individuellen Nutzen sie für Sie bietet. Entscheiden Sie aktiv mit: Welche der vorgeschlagenen Behandlungen erscheint Ihnen plausibel? Bei welcher haben Sie ein gutes Gefühl? Und bei welcher Ärztin oder welchem Arzt fühlen Sie sich gut verstanden?
Patientinnen und Patienten sind heute zunehmend aktive Partner im Behandlungsprozess: Sie informieren sich eigenständig, erwarten Transparenz und möchten in Entscheidungen einbezogen werden. Diese Beteiligung stärkt die Selbstwirksamkeit und einen selbstbestimmten Umgang mit Erkrankungen.
Medizinische Behandlung ist eine gemeinsame Aufgabe!
Was muss sich in der Medizin zukünftig ändern?
Wir vom Sonderforschungsbereich „Treatment Expectation“ sehen klaren Handlungsbedarf – auch auf gesundheitspolitischer Ebene. Es braucht einen echten Paradigmenwechsel: Kommunikation und Kontextfaktoren müssen als fester Bestandteil der Medizin verstanden und systematisch verankert werden. Erwartungen sind dabei kein Nebeneffekt, sondern Teil jeder Behandlung. Kommunikation beeinflusst Erwartungen, Therapietreue, Nebenwirkungen und Behandlungsergebnisse – und kann von Gesundheitsberufen gezielt gestaltet werden. Deshalb müssen Wissen über Placebo- und Noceboeffekte sowie über Kommunikation und Kontextfaktoren konsequent in Leitlinien und in die Aus- und Weiterbildung aller Gesundheitsberufe integriert werden.
Gerade angesichts rasanter technologischer Fortschritte ist die Bedeutung der Kommunikation lange unterschätzt worden. Heute wissen wir: Selbst modernste Medizintechnik und die besten Therapien entfalten ihren vollen Nutzen erst dann, wenn sie patientenorientiert eingesetzt werden. Erwartungseffekte sind dabei ein steuerbarer Hebel im Gesundheitssystem: Sie bieten Potenzial für bessere Behandlungsergebnisse, höhere Therapietreue und eine effizientere Versorgung. Diese Potenziale müssen künftig konsequent genutzt und stärker in Forschung, Entwicklung, Leitlinien und Versorgungspraxis verankert werden. Genau daran arbeitet unser Team aus über 100 Forschenden.
Unser Appell ist klar: Erwartungen müssen ein fester Bestandteil der Medizin werden – in Ausbildung, Forschung, Entwicklung, Praxis und Gesundheitspolitik. Denn gute Medizin beginnt nicht nur mit der richtigen Therapie, sondern auch mit der richtigen Erwartung.