Warum treten bei manchen Menschen stärkere Nebenwirkungen auf, obwohl die Behandlung an sich keine auslösen sollte? Forschende des SFB 289 „Treatment Expectation“ von der Philipps-Universität Marburg haben herausgefunden, dass ein spezielles Persönlichkeitsmerkmal dafür eine große Rolle spielt. Vermittelt wird der Effekt wohl über negative Erwartungen.

Sorgen fördern Nebenwirkungen: Emotional labile Menschen befürchten häufiger, dass eine Therapie unangenehme Nebenwirkungen hat – und erleben diese auch stärker
Ob eine Behandlung Nebenwirkungen auslöst, hängt nicht nur vom Wirkstoff ab. Schon lange ist bekannt, dass allein die Erwartung, etwas könnte schiefgehen, körperliche Beschwerden hervorrufen kann – das ist der sogenannte Noceboeffekt. Welche Rolle dabei die Persönlichkeit eines Menschen spielt, haben Forschende um den Marburger Psychologen Prof. Erik Mueller nun in einer Studie mit 275 gesunden Teilnehmenden untersucht. Die Ergebnisse sind im Fachmagazin Journal of Personality erschienen.
Im Mittelpunkt stand der Persönlichkeitszug der emotionalen Labilität: Das ist eine stabile Neigung zu negativen Emotionen wie Angst, Sorge und Reizbarkeit. Menschen mit dieser Neigung berichten generell häufiger über körperliche Beschwerden und blicken pessimistischer in die Zukunft. Das Forschungsteam vermutete, dass dieser Zug auch dazu beiträgt, dass Behandlungen mehr Nebenwirkungen hervorrufen, als pharmakologisch erklärbar ist.
Placebo oder echter Wirkstoff? Dieser Unterschied spielte kaum eine Rolle
Für die Studie erhielten die Teilnehmenden entweder ein Placebo oder das Medikament Sulpirid, einen Dopamin-Antagonisten, der in der verabreichten Dosis normalerweise keine spürbaren Nebenwirkungen hervorruft. Zusätzlich wurden die Erwartungen der Probanden gezielt beeinflusst: Ein Teil wurde informiert, einen Wirkstoff erhalten zu haben, der andere Teil glaubte, ein Placebo bekommen zu haben. Vor und nach der Einnahme befragten die Forschenden alle Teilnehmenden über deren körperliche Beschwerden sowie ihre Erwartungen bezüglich möglicher Nebenwirkungen.
Das überraschende Ergebnis: Weder das tatsächlich eingenommene Präparat noch die experimentelle Erwartungsmanipulation hatten einen messbaren Einfluss auf die berichteten Beschwerden. Was hingegen deutlich vorhersagte, ob jemand nach der Einnahme mehr Symptome angab als zuvor, war die emotionale Labilität – und die vorab geäußerten Befürchtungen zu Nebenwirkungen.
Negative Erwartungen als Bindeglied zwischen emotionaler Labilität und Nebenwirkungen
Besonders aufschlussreich ist der zugrunde liegende Mechanismus: Menschen mit hoher emotionaler Labilität erwarteten bereits vor der Einnahme mehr Nebenwirkungen. Und genau diese negativen Erwartungen waren es, die einen Teil der erhöhten Nocebo-Reaktion erklärten. Die Erwartungen wirkten also als Bindeglied zwischen Persönlichkeit und Beschwerden.
Ferner zeigte die Analyse, dass emotionale Labilität auch unabhängig von den bewusst geäußerten Erwartungen mit stärkeren Nocebo-Reaktionen zusammenhing – ein Hinweis darauf, dass weniger bewusst zugängliche Wahrnehmungsverzerrungen ebenfalls eine Rolle spielen könnten, etwa eine erhöhte Aufmerksamkeit für Körpersignale oder die Tendenz, neutrale Empfindungen als bedrohlich einzustufen.
Praktische Konsequenzen für die medizinische Praxis
Die Erkenntnisse könnten direkte Auswirkungen auf die medizinische Praxis haben. Da die emotionale Stabilität eines Menschen im Alltag schwer zu erfassen ist, empfehlen die Forschenden, im Vorgespräch gezielt nach konkreten Nebenwirkungserwartungen zu fragen: „Machen Sie sich aktuell Sorgen über mögliche Nebenwirkungen?“ Wer Risikopatientinnen und -patienten frühzeitig erkennt, könnte durch eine angepasste Kommunikation gegensteuern: Studien zeigen, dass positive, aber realistische Informationen über eine Behandlung und ihre Chancen Noceboeffekte abschwächen können. Auch ist es wichtig, die Aufmerksamkeit von Patienten und Patientinnen eher auf die Chancen statt auf die Risiken einer Therapie zu richten: Etwa mit dem Hinweis, dass neun von zehn Patientinnen und Patienten ein Medikament gut vertragen.
Die Forschenden warnen zudem vor einem sich selbst verstärkenden Kreislauf: Wer negative Erwartungen hegt, erlebt mehr Beschwerden – was wiederum die Erwartungen vor künftigen Behandlungen verschlechtert. Diesen Kreislauf frühzeitig zu unterbrechen, könnte gerade für emotional labile Menschen langfristig bedeutsam sein.