Die Erwartungen der Patienten und Patientinnen an eine Therapie spielen eine entscheidende Rolle bei der Behandlung von Depressionen. Eine neue Studie von Forschenden des SFB/TRR 289 zeigt nun: Menschen mit Depression, die kurzfristig besonders stark auf eine Placebo-Behandlung reagieren, profitieren auch langfristig stärker von Behandlungserwartungen. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise darauf, wie Behandlungen künftig individueller und wirksamer gestaltet werden könnten.

Wer auf Placebo-Effekte besonders stark reagiert, profitiert auch mehr von positiven Erwartungen an eine Therapie gegen Depression. Diesen Zusammenhang konnte das Team von Prof. Stefanie Brassen (im Bild) erstmals experimentell belegen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Erwartungen zentrale Prozesse der Emotionsverarbeitung beeinflussen können. Das ist besonders relevant für Depressionen, bei denen negative Wahrnehmungsverzerrungen eine große Rolle spielen“, sagt Studienleiterin Prof. Dr. Stefanie Brassen aus dem Institut für Systemische Neurowissenschaften des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Die Neurowissenschaftlerin beschäftigt sich in Projekt A06 unseres Sonderforschungsbereichs damit, wie Erwartungen sich auf Therapien gegen Depression auswirken und wie sie sich beeinflussen lassen.
In der Studie, die im Fachmagazin Translational Psychiatry veröffentlicht wurde, erhielten Patientinnen und Patienten mit Depression ein Nasenspray, das ihnen als stimmungsaufhellendes Medikament beschrieben wurde. Tatsächlich handelte es sich dabei jedoch um ein Placebo. Trotzdem hatte allein die Erwartung einer positiven Wirkung messbare Effekte: Die Teilnehmenden berichteten von besserer Stimmung und verarbeiteten emotionale Reize positiver. Mehrdeutige Gesichtsausdrücke wurden zum Beispiel häufiger als freundlich interpretiert.
Die individuelle Reaktion auf das Placebo sagt voraus, wie stark Erwartungen den Behandlungserfolg beeinflussen
Im Anschluss wurden die Patienten und Patientinnen über mehrere Wochen hinweg während ihrer regulären antidepressiven Behandlung begleitet. Dabei zeigte sich: Je stärker die positiven Erwartungen gegenüber der Behandlung waren, desto stärker verbesserten sich die Symptome im Verlauf der Therapie. Besonders bemerkenswert war für die Forschenden, dass die individuelle Reaktion auf das Placebo im Experiment voraussagte, wie stark Erwartungen den Behandlungserfolg auch langfristig beeinflussten.
„Wir konnten zeigen, dass die Sensitivität für Erwartungen eine stabile Eigenschaft ist, die sich über verschiedene Situationen hinweg bemerkbar macht. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Erwartungen nicht nur ein Nebeneffekt von Behandlungen sind, sondern ein zentraler Wirkmechanismus”, sagt Prof. Brassen. Langfristig könnten solche Erkenntnisse dazu beitragen, Therapien besser auf einzelne Personen abzustimmen, positive Erwartungen gezielt zu fördern und so die Wirksamkeit bestehender Behandlungen zu verbessern.
Die Studie hat erstmals experimentelle Placebo-Effekte mit realen klinischen Verläufen innerhalb derselben Gruppe von Petienten und Patientinnen verbunden. Ihr Ergebnis zeigt, wie eng psychologische Prozesse und medizinische Behandlungsergebnisse miteinander verknüpft sind.