Placebos können auch dann wirken, wenn Behandelte genau wissen, dass sie eine Pille ohne Wirkstoff einnehmen. In Studien mit offen verabreichten Open-Label-Placebos (OLP) besserten sich zum Beispiel die Schmerzen von Teilnehmenden, und auch bei Depressionen sind ähnliche Effekte bekannt. Allerdings macht gerade die Tatsache, dass die Teilnehmenden wissen, dass sie ein Placebo bekommen, die Planung solcher Studien schwierig. Eine internationale Expertengruppe unter Leitung des Sonderforschungsbereiches 289 „Treatment Expectation“ hat deshalb erstmals umfassende methodische Empfehlungen für OLP-Studien zusammengestellt.

 

Hartmann Muessgens Aulenkamp OLP PAIN SFB289
Studien zu Open-Label-Placebos vergleichbarer und aussagekräftiger gestalten möchte ein Team um die SFB-289-Forscherinnen Dr. Helena Hartmann, Diana Müßgens und Dr. Jana Aulenkamp (v.l.n.r.).

Open-Label-Placebos enthalten keinen pharmakologisch wirksamen Inhaltsstoff. Anders als klassische Placebos werden sie Patientinnen und Patienten offen und transparent als Placebo verabreicht. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass sie unter bestimmten Bedingungen Beschwerden wie Schmerzen und andere subjektive Symptome lindern können.

Mit dem wachsenden Interesse an diesem Forschungsansatz steigen jedoch auch die methodischen Anforderungen. Ausgerechnet die offene Studienanlage stellt Forschende vor besondere Herausforderungen, etwa wenn sie geeignete Kontrollgruppen suchen, die Teilnehmenden aufklären oder systematische Verzerrungen vermeiden möchten. In einem umfassenden Übersichtsartikel für die Zeitschrift PAIN bündelt nun ein internationales Team von Forschenden den aktuellen Wissensstand und formuliert evidenzbasierte Empfehlungen für die Planung, Durchführung und Berichterstattung zukünftiger Studien. 

Die aktuelle Arbeit sammelt Erfahrungen zu Open-Label-Placebos und leitet daraus Handlungsempfehlungen ab 

„Die Forschung zu Open-Label-Placebos hat in den vergangenen Jahren erheblich an Dynamik gewonnen“, erklärt Prof. Dr. Ulrike Bingel, Leiterin der Universitären Schmerzmedizin der Universitätsmedizin Essen und Sprecherin des SFB 289 „Treatment Expectation“. „Damit Studien international vergleichbar werden und ihre Ergebnisse zuverlässig eingeordnet werden können, braucht es gemeinsame methodische Empfehlungen.“

Dr. med. Jana Aulenkamp, klinische Wissenschaftlerin an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Letztautorin des Reviews, ergänzt: „Unser Ziel war es, die Erfahrungen des Forschungsfeldes zusammenzuführen, eine Orientierung für zukünftige Studien zu bieten und damit dazu beizutragen, das Potenzial von OLPs systematisch und verlässlich zu untersuchen.“ (In diesem Video erklärt Aulenkamp, wie Schmerzen nach einer Operation mit Erwartungen zusammenhängen.)

Je nach Forschungsfrage unterschiedliche Vergleichsgruppen wählen

Eine zentrale Herausforderung bei OLP-Studien ist die Wahl der Vergleichsgruppe. In gewöhnlichen medizinischen Studien erhält in der Regel ein Teil der Teilnehmenden das Medikament und ein anderer Teil ein Placebo. In einer OLP-Studie jedoch ist die Placebogruppe die eigentliche Testgruppe. Möglich ist, einer Vergleichsgruppe gar keine Behandlung zukommen zu lassen. In diesem Fall lässt sich jedoch nicht unterscheiden, ob eine eventuelle Verbesserung von Beschwerden in der Placebogruppe auf die Einnahme des Placebos oder auf die zusätzliche Aufmerksamkeit durch das Studienteam zurückgeht. Hier schlägt das Forschungsteam je nach Forschungsfrage ein unterschiedliches Vorgehen in der Vergleichsgruppe vor, etwa eine Behandlung wie üblich, eine Standardtherapie oder spezielle Kontrollbedingungen, bei denen einzelne Bestandteile der OLP-Behandlung gezielt weggelassen werden.

Aufklärung und Interaktion durch das Studienpersonal standardisieren

Eine weitere Empfehlung im Review ist, die Aufklärung für alle Studienteilnehmenden möglichst standardisiert zu halten. Denn die Aufklärung und Anleitung durch das Studienpersonal trägt selbst bereits zu Placeboeffekten bei. Ein exakt formuliertes Skript kann helfen, dass alle Teilnehmenden dieselben Informationen erhalten und andere Forschungsteams die Studie später nachvollziehen können. Für größere oder multizentrische Studien können schriftliche oder videobasierte Informationen sinnvoll sein, weil sie die Kommunikation stärker vereinheitlichen.

Aus dem gleichen Grund sollte auch die Interaktion mit den Teilnehmenden in den verschiedenen Gruppen möglichst vergleichbar sein. Dafür ist es sinnvoll, dass möglichst viele Mitglieder des Studienteams nicht wissen, welcher Gruppe die Teilnehmenden angehören – insbesondere diejenigen nicht, die Messungen durchführen oder Daten auswerten. 

OLPs: Internationale Expertise und die Perspektive von Patientinnen und Patienten für ein wachsendes Forschungsfeld

Die Publikation wurde maßgeblich von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in frühen Karrierephasen aus Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz, Frankreich und Australien mitgestaltet. Sie brachten aktuelle und internationale wissenschaftliche Perspektiven in die Entwicklung der Empfehlungen ein. „Methodische Standards entstehen heute nicht mehr in einzelnen Arbeitsgruppen, sondern im wissenschaftlichen Austausch über Länder- und Fachgrenzen hinweg. Der Sonderforschungsbereich hat dafür den idealen Rahmen geschaffen“, sagt Prof. Bingel.

Die Empfehlungen verbinden internationale Expertise mit den Erfahrungen des PatientInnenbeirats des Sonderforschungsbereichs „Treatment Expectation“. So wurden die methodologischen Leitlinien wesentlich durch ihre Gespräche und Beiträge ergänzt, etwa mit Blick auf Transparenz, Verständlichkeit und die Gestaltung von Studien. „Damit sollen zukünftige OLP-Studien nicht nur methodisch hochwertig, sondern auch stärker an den Bedürfnissen der Teilnehmenden ausgerichtet werden“, erklärt die Erstautorin der Studie, die Psychologin und Neurowissenschaftlerin Dr. Helena Hartmann vom Universitätsklinikum Essen. „Wir haben uns über das rege Interesse an der OLP-Forschung sehr gefreut, denn der Beirat hat mit den persönlichen Erfahrungen maßgeblich den Artikel bereichert“, 

Open-Label-Placebos in Behandlungen integrieren

Das Ziel des Methoden-Kompendiums ist eine bessere Reproduzierbarkeit, Transparenz und klinische Übertragbarkeit von OLP-Studien in der Schmerzforschung sowie eine patientInnenfreundliche Kommunikation. „Die weitere OLP-Forschung soll klären, wann und für wen offene Placebos tatsächlich einen klinischen Nutzen haben können“, sagt die Ärztin Dr. Aulenkamp. Das könnte die evidenzbasierte Integration von OLPs in Behandlungsabläufe stärken, insbesondere als wirksamer und sicherer Zusatz zu bestehenden Therapien.