„Stern“
Wer mit depressiven Beschwerden den Hausarzt aufsucht, bekommt oft ein Antidepressivum verschrieben. Dabei profitieren die meisten Patienten und Patientinnen davon kaum mehr als von Placebos. Doch auch die Psychotherapie ist in ihrer heutigen Form bei Depressionen zu selten erfolgreich, findet Prof. Winfried Rief von der Universität Marburg: „Wir müssen unsere Therapien besser machen“, sagt der Psychologe in einem großen Interview mit dem Magazin „Stern“.
Auch im Jahr 2026 zählt der „Stern“ den Marburger Psychologen und Psychotherapeuten Prof. Winfried Rief wieder zu Deutschlands „ausgezeichneten Ärzten“ im Bereich Depression. Anlässlich der Veröffentlichung der aktuellen Ärzteliste erklärt Rief in der Zeitschrift, warum die Therapieoptionen für Patienten und Patientinnen mit Depression unbefriedigend sind – und was aus seiner Sicht geändert werden müsste.
Obwohl sich seit dem Jahr 1990 die Verschreibung von Antidepressiva fast verneunfacht habe, sei deren Effekt bei weitem nicht so groß wie angenommen. „Fast 80 Prozent der Wirkung findet sich in Studien bereits in den Placebogruppen“, erklärt Winfried Rief im Gespräch mit dem Magazin. Bei leichten oder mittleren Episoden gebe es überhaupt keinen Vorteil. Insgesamt würden die Mittel zu häufig und zu lange eingesetzt – und das ohne echte wissenschaftliche Grundlage: „Wenn wir ehrlich sind, wissen wir nicht, was dem Körper von Depressiven fehlt“, so Rief.
Die Psychotherapie muss sich weiterentwickeln – und dafür Grenzen überwinden
Doch auch die Psychotherapie sei kein Erfolgsgarant: „Weniger als die Hälfte der Patienten profitiert deutlich“, weiß der Leiter der Arbeitseinheit Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Philipps-Universität Marburg. Zwar wirke die Psychotherapie immerhin nachhaltiger als eine reine Antidepressiva-Therapie, trotzdem reiche das nicht.
Um diese Situation zu verbessern, entwickelt Rief mit seinem Team am „Loewe-Forschungszentrum Dynamic“ gemeinsam mit anderen Universitäten und Instituten neue evidenzbasierte Diagnose- und Behandlungsansätze für Depressionen. Dort arbeiten Forschende aus der Psychologie, der Psychiatrie, der Statistik sowie dem Machine Learning zusammen. „Wir müssen unseren Blick öffnen und schauen, welche anderen Methoden sich bewährt haben“, ist Rief überzeugt.
Depressive erwarten stets das Schlechteste. Daran müssen Behandelnde arbeiten.
Dazu gehört laut Rief auch, die „ungeheure Macht“ von Erwartungen für die Therapie zu nutzen. Diese seien gerade bei Depressionen entscheidend: „Hält mich ein Patient für empathisch und kompetent, wirkt die Therapie besser“, erklärt der Professor. Auch Antidepressiva hälfen mehr, wenn der Arzt Zuversicht vermittelt.
Allerdings macht es ausgerechnet die Krankheit schwierig, diese Macht der Erwartungen zu nutzen: „Depressive erwarten krankheitsbedingt grundsätzlich das Schlechteste“, weiß der Psychotherapeut Rief. Eines seiner Ziele als Therapeut sei es daher, die negativen Erwartungen der Patienten und Patientinnen an die Zukunft zu verbessern.
Prof. Winfried Rief ist stellvertretender Sprecher des SFB 289 Treatment Expectation, der sich mit den Auswirkungen von Erwartungen auf Krankheiten und medizinische Behandlungen befasst. Mehr Informationen zu Riefs Forschungsschwerpunkten und seinem Werdegang stehen hier. In einem Video der Reihe „Kurz erklärt“ schildert er zudem, was Depressionen mit Erwartungen zu tun haben.
Hier ist der Link zum vollständigen Interview auf der Website des „Stern“ (Paywall).