Ulrike Bingel bei MaiThink Xperts: "Wir müssen mehr tun, als nur über Nebenwirkungen aufzuklären!“

„In klinischen Studien sind Placebo-Effekte derzeit der Feind“

„Die Zeit“

Der Placeboeffekt wird in der Medizin noch immer zu selten gezielt genutzt. Dabei haben inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Studien aufgezeigt, dass damit die Wirkung von Therapien verbessert und das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen verringert werden kann. Was passieren muss, um das große Potenzial der Selbstwirksamkeit zu nutzen, erklärt Prof. Ulrike Bingel in der „Zeit“.

Warum ignorieren Ärzte, Forscherinnen und Gesundheitspolitiker den Placeboeffekt – trotz seines nachgewiesenerweise positiven Potenzials? Dieser Frage geht der Autor Ingo Arzt in einer Kolumne für die Wochenzeitung „Die Zeit“ nach. Er spürt darin zunächst den erwiesenen Kräften des Effekts nach: „Sind Menschen krank, fühlen sie sich schon allein dadurch besser, dass sie mit einer Ärztin reden oder eine Pille einwerfen, die keinen Wirkstoff enthält“, schreibt Arzt. Positive Erwartungen könnten nachweislich die Wirkung starker Schmerzmittel verdoppeln, negative Erwartungen sie hingegen deutlich abschwächen. Der Effekt wirke auch bei Erkrankungen des Immunsystems wie dem Reizdarmsyndrom oder Schuppenflechte und könnte sogar die Wirkung von Impfungen verstärken.

Trotzdem, so der Autor, erscheine der Placeboeffekt eher wie eine lästige Nebenwirkung. Warum?

„Derzeit ist der Placeboeffekt in Medikamentenstudien oder klinischen Studien der Feind“, erklärt Prof. Ulrike Bingel, Leiterin des Zentrums für Schmerzmedizin am Universitätsklinikum Essen und Sprecherin des Sonderforschungsbereichs „Treatment Expectation“, in der Kolumne. Ihrem Buch „Dein Körper glaubt dir alles“, das sie gemeinsam mit Prof. Sven Benson geschrieben hat, hat Ingo Arzt mehrere Beispiele für seine Kolumne entnommen. Bingel nimmt an, dass die Erfahrungen aus den Studien zum schlechten Image des Placeboeffektes beitragen: „Es sind schon Milliarden Dollar teure Entwicklungen vor die Wand gefahren, weil die Studienmedikamente es nicht schafften, besser zu sein als der Placeboeffekt.“

Positive Erwartungen zu stärken, hat konkrete therapeutische Konsequenzen

Im Gespräch mit dem Autor plädiert Prof. Bingel dafür, den Placeboeffekt nicht länger als Störfaktor zu behandeln, sondern als eigenständigen Wirkmechanismus anzuerkennen – „als Wirkung der körpereigenen Apotheke“, wie Arzt schreibt. Das hätte konkrete therapeutische Konsequenzen: Schmerzmittel könnten niedriger dosiert werden, wenn positive Erwartungen gezielt gestärkt werden. Auch OP-Komplikationsraten ließen sich möglicherweise senken, wenn Patientinnen und Patienten psychologisch begleitet werden – eine Perspektive, die durch eine Studie aus dem SFB „Treatment Expectation“ zu Herz-Operationen bereits Unterstützung erhält. Den bisherigen Ansatz, den Placeboeffekt schlicht vom Wirkstoffeffekt abzuziehen, hält Ulrike Bingel hingegen für einen „Irrweg“, da er die Wechselwirkungen zwischen körpereigenen Botenstoffen und Medikamenten vollständig ausblende.

Als Konsequenz fordert Bingel ein Umdenken im Gesundheitssystem: Behandelnde müssten darin geschult werden, Patientinnen und Patienten besser zu begleiten, Ängste zu nehmen und das Vertrauen in die Therapie zu stärken. Damit sie sich dafür die nötige Zeit nehmen können, müsste auch das Vergütungssystem angepasst werden.