Gleich, aber doch ganz anders: Patienten und Patientinnen können Zahlen zu Häufigkeiten und Wahrscheinlichkeiten in der Medizin nur schwer einordnen. Deshalb besteht das Risiko, dass unbedachte Formulierungen bei ihnen Verwirrung stiften oder sogar Ängste hervorrufen. Wie Behandelnde solche Nocebo-Effekte bei der Kommunikation in der Praxis und Klinik vermeiden können, erklären die beiden Psychologen Prof. Tobias Kube und Prof. Winfried Rief im „Journal of the American Medical Association“ (JAMA).      

Tobias Kube Winfried Rief JAMA letter SFB289 Treatment ExpectationFraming-Effekte nutzen: Im Journal of the American Medical Association kommentieren Prof. Tobias Kube von der Universität Frankfurt und Prof. Winfried Rief von der Universität Marburg eine Publikation von Prof. Brian Zikmund-Fisher

Ist eins von hundert genauso viel wie ein Prozent? Ja und nein. Mathematisch haben beide Formulierungen die gleiche Bedeutung. Aber emotional beurteilen Patientinnen und Patienten die Zahlenwerte oft sehr unterschiedlich. Darauf weisen Prof. Tobias Kube von der Klinischen Psychologie und Psychopathologie der Universität Frankfurt und Prof. Winfried Rief, Leiter der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Marburg, in einem kommentierenden Beitrag für die renommierte Fachzeitschrift JAMA (Journal of the American Medical Association) hin. Die beiden Forscher sind Teil des Sonderforschungsbereichs „Treatment Expectation“, Rief als stellvertretender Sprecher und Kube als assoziiertes Mitglied. Zentrale Forschungsfragen des Verbundes sind: Wie können Behandelnde in der ärztlichen Kommunikation Placebo-Effekte fördern und Nocebo-Effekte vermeiden? Welche besonderen Schwierigkeiten sind damit verbunden, Risiken, Heilungschancen und Nebenwirkungsraten bei der Aufklärung von Patienten und Patientinnen zu kommunizieren?

Zahlen wirken in der Medizin oft anders als ihre mathematische Bedeutung   

Anlass des Kommentars von Kube und Rief ist ein Artikel von Brian Zikmund-Fisher, Professor für Gesundheitsverhalten und Gesundheitsgerechtigkeit an der Universität von Michigan, der im Oktober 2025 ebenfalls im JAMA erschienen ist. Darin beschreibt Zikmund-Fisher, dass viele Menschen große Schwierigkeiten haben, selbst einfache numerische Aufgaben zu lösen. So konnten von 4637 erwachsenen US-Amerikanern nur 34 Prozent korrekt sagen, welcher Wert in einer ungeordneten Zahlenreihe am höchsten ist. Der Forscher empfiehlt daher fünf Strategien, wie Zahlen im medizinischen Kontext verständlich zu verwenden seien, und rät von verbalen Umschreibungen wie „häufig“, „sehr selten“ oder „unwahrscheinlich“ ab. Ohne Kontext und Vergleich besäßen die Begriffe eine geringe Aussagekraft und könnten Ängste sowie unerwünschte Erwartungseffekte fördern.

Das gilt jedoch auch für konkrete Zahlenangaben, wie Tobias Kube in dem aktuellen Kommentar in JAMA schreibt. Wahrscheinlichkeitsbeschreibungen und Testergebnisse würden von Patienten und Patientinnen sehr unterschiedlich wahrgenommen – und oft auch anders als von den Behandelnden ursprünglich beabsichtigt. Der Grund dafür, schreiben Kube und Rief, sind sogenannte Framing-Effekte.  

„Die Aussage ‚90 Prozent der Patienten überstehen eine solche Infektion‘ hat mathematisch die gleiche Bedeutung wie ‚zehn Prozent überstehen sie nicht‘. Aber die erste Aussage rückt für einen Patienten die hohe Wahrscheinlichkeit, dass alles gut wird, in den Vordergrund. Das nennt man positives Framing“, erklärt Prof. Tobias Kube von der Universität Frankfurt. Die erste Formulierung wirkt daher eher beruhigend, während die zweite Ängste auslösen kann. „Deshalb sollten wir in der Praxis immer ein positives Framing anstreben, vor allem wenn es um potenziell negative und bedrohliche Nachrichten geht. Gerade dann sollten Erklärungen, zum Beispiel wie häufig die Behandlung erfolgversprechend ist oder mit welcher Wahrscheinlichkeit mit gravierenden Nebenwirkungen zu rechnen ist, positiv eingebettet sein.“

Machtvoller Framing-Effekt: gleicher Inhalt, aber gänzlich andere Bewertung

Dieser „Rahmungseffekt“ erklärt, warum wir eine gleiche Information unterschiedlich bewerten, je nachdem wie sie sprachlich formuliert wird. Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky zeigten in ihren frühen Pionierarbeiten zur Entscheidungstheorie, dass zwei Aussagen mit identischem Inhalt durch unterschiedliche sprachliche Rahmen (Frames) gänzlich unterschiedliche emotionale Wirkungen und damit Entscheidungen bei Menschen auslösen. Gleicher Inhalt, aber gänzlich andere Wahrnehmung, andere Gefühlslage, andere Bewertung. Deshalb ist genaue Sprache so wichtig, weil unser Gehirn nicht nur auf den Inhalt, sondern auch stark auf die emotionale Färbung reagiert.

Psychologe Kube geht sogar noch weiter: „Neben positivem und negativem Framing ist es auch wichtig, ob Wahrscheinlichkeiten in Prozent oder als Häufigkeiten angegeben werden“. So wirke beispielsweise die Aussage „Einer von hundert Patienten stirbt“ deutlich bedrohlicher als die Aussage „Ein Prozent stirbt“. „Wenn man bei medizinischen Risiken ein negatives Framing in der Kommunikation einsetzt, ist es deutlich besser, Prozentsätze zu verwenden, weil dies von Patienten abstrakter wahrgenommen wird und man sich nicht gleich als die eine mögliche Person von Hundert sieht, die betroffen sein könnte“, rät Prof. Rief von der Universität Marburg.

Zahlen sind zwar in der medizinischen Kommunikation ein zentraler Bestandteil, sie sollten aber in Bezug auf die Framing-Effekte mit Bedacht gewählt werden. Vor allem Patienten und Patientinnen, die sehr ängstlich sind, bedürfen einer besonderen Ansprache und einer erweiterten Kommunikation. „Den ängstlichen und sehr besorgten Personen sollte ausführlich erklärt werden, wie diese Zahlen zu verstehen sind“, sagt Kube.

 

Fazit

„Viele Patientinnen und Patienten verstehen in der Praxis nicht genau, was ein Arzt oder eine Ärztin gesagt und vor allem gemeint hat“, bestätigt die Neurologin Prof. Ulrike Bingel, Leiterin der Universitären Schmerzmedizin der Universitätsmedizin Essen und Sprecherin des SFB „Treatment Expectation: „Denn Gesundheitskommunikation braucht vor allem Zeit, die in der Praxis oft fehlt.“ Gerade vor dem Hintergrund knapper zeitlicher Ressourcen im Gesundheitssystem sieht Tobias Kube besonders viel Potential in der sorgsamen Wahrscheinlichkeitsdarstellung: „Positives Framing kostet nichts und erfordert keine extra Zeit in Gesprächen mit Patienten und wäre somit besonders leicht umzusetzen.“

„Jeder Patient und jede Patientin fragt nach Chancen und Risiken, weil Informationen Sicherheit geben. Genau deshalb müssen wir Behandelnde schulen, wie sie über Diagnosen, Therapien und mögliche Nebenwirkungen erwartungssensibel aufklären“, fordert Prof. Bingel. Die aktuellen Studien zeigten konkret, worauf zu achten sei. Man dürfe die Betroffenen nicht allein lassen und sie die Erklärungen im Internet suchen lassen, warnt die Neurologin.

 

Link zum Jama-Letter:

https://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/2844450#

 

Originalarbeiten:

Zikmund-Fisher, B. J., Thorpe, A. & Fagerlin, A. How to Communicate Medical Numbers. JAMA (2025). https://doi.org/10.1001/jama.2025.13655

Kube T, Riecke J, Heider J, Glombiewski JA, Rief W, Barsky AJ. Same same, but different: effects of likelihood framing on concerns about a medical disease in patients with somatoform disorders, major depression, and healthy people. Psychol Med. 2023 Dec;53(16):7729-7734. doi: 10.1017/S0033291723001654. Epub 2023 Jun 13. PMID: 37309182.