Die richtigen Worte vor einer Operation können Schmerzen, Angst, Opioidverbrauch und sogar Komplikationsrisiken messbar verringern. Eine ungeeignete Kommunikation hingegen kann sie verstärken. Wie gut Anästhesistinnen und Anästhesisten diese positiven Placeboeffekte und negativen Noceboeffekte kennen, und ob sie sie bewusst nutzen bzw. vermeiden, hat nun erstmals eine große Online-Umfrage gezeigt. 

Tobias Kube Winfried Rief JAMA letter SFB289 Treatment ExpectationWie beeinflusst die Kommunikation von Anästhesisten und Anästheistinnen die Ergebnisse einer Operation? Mit dieser Frage beschäftigt sich Dr. Jana Aulenkamp, klinische Wissenschaftlerin an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Essen, in ihrer Forschung für den Sonderforschungsbereich „Treatment Expectation“. 

Behandlungsergebnisse hängen nicht nur von pharmakologischen oder technischen Interventionen ab, sondern auch von individuellen psychologischen Mechanismen. Zahlreiche Studien zeigen, dass Erwartungen und Vorerfahrungen der Patientinnen und Patienten einen relevanten Faktor für den Behandlungserfolg darstellen – entweder positiv als Placeboeffekt oder negativ als Noceboeffekt

„In der Anästhesiologie begleiten wir Patientinnen und Patienten in sensiblen Situationen, in denen Erwartungen den Behandlungserfolg maßgeblich beeinflussen können“, weiß Dr. Jana Aulenkamp, klinische Wissenschaftlerin am Universitätsklinikum Essen. In einer von ihr initiierten Studie hat sie gemeinsam mit Forschenden der Universitäten Essen, Bochum, Hamburg und Göttingen untersucht, wie Anästhesisten und Anästheistinnen diese Kraft ihrer Worte nutzen – und ob sie die zugrunde liegenden psychologischen und biologischen Mechanismen kennen. Das Ergebnis: Die Behandelnden kommunizieren durchaus gezielt – aber eher aus dem Bauch heraus. 

Gezielte Kommunikation – aber begrenztes Wissen über Placebo- und Noceboeffekte

„Überraschend ist, wie häufig berichtet wird, dass Kommunikation gezielt zur Beeinflussung von Erwartungen genutzt wird, während das Wissen über zugrunde liegende Mechanismen, insbesondere bei Noceboeffekten sowie Placebo-Interventionen, noch begrenzt ist“, erklärt Dr. Aulenkamp.

Die im Fachjournal BioMed Central (BMC) Anesthesiology veröffentlichte Online-Umfrage wurde von April bis Mai 2024 unter deutschsprachigen Anästhesiologinnen und Anästhesiologen in unterschiedlichen klinischen Arbeitsumfeldern sowie Karrierestufen durchgeführt. Der Fragebogen erfasste theoretisches Wissen, wahrgenommene Relevanz, klinische Anwendung, Einstellungen zu Placebo-Interventionen sowie die Umsetzbarkeit spezifischer Strategien zur Verstärkung von Placeboeffekten und zur Minimierung von Noceboeffekten in der klinischen Praxis. Insgesamt gingen 650 Antworten ein, davon 436 vollständig.

Nur wenige nutzen Strategien zur Reduktion von Noceboeffekten

Die Teilnehmenden bewerteten ihr eigenes Wissen über Placeboeffekte selbst als moderat. Für Noceboeffekte war ihre Einschätzung noch geringer. Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung gaben dabei ein geringeres Wissen an als Fach- und Oberärzte und -ärztinnen. Weibliche Teilnehmende schätzten ihr Wissen niedriger ein als männliche.

Placebomechanismen wurden klinisch am relevantesten im Schmerzmanagement (78 %), in der Palliativmedizin (82 %) und in der Aufklärung und Prämedikation (68 %) eingeschätzt. Während 72 % den Einsatz von Placeboeffekten als akzeptabel und 18 % als essenziell betrachteten, berichteten lediglich 35 % über eine bewusste Anwendung von Placebowissen. Nur 23 % nutzten Strategien zur Reduktion von Noceboeffekten. Demgegenüber gaben 92 % an, routinemäßig Kommunikationsstrategien zur Beeinflussung von Erwartungen einzusetzen.

Die Mehrheit der Befragten ist bereit, ihr Verständnis zu vertiefen

Anästhesiologinnen und Anästhesiologen integrieren erwartungsbasierte Interventionen häufig in die klinische Praxis. Dennoch bestehen insbesondere im Hinblick auf Noceboeffekte Lücken im theoretischen Wissen sowie in der bewussten, systematischen Anwendung. „Unsere Ergebnisse deuten auf ein Paradoxon hin: Wir sind uns zwar der Notwendigkeit von Kommunikationsstrategien zum Wohle unserer Patientinnen und Patienten bewusst, jedoch fehlt uns die detaillierte Kenntnis über die zugrunde liegenden Mechanismen“, resümiert Dr. Aulenkamp von der Universitätsmedizin Essen.

Gleichzeitig zeigte sich die Mehrheit der Befragten bereit, ihr Verständnis weiter vertiefen zu wollen. Zielgerichtete Schulungen und evidenzbasierte Leitlinien könnten eine ethische und strukturierte Integration von Placebo- und Noceboeffekten in die perioperative Versorgung fördern und die Patientenversorgung sowie -sicherheit in der Anästhesiologie verbessern.

„Die Ergebnisse sind für uns sehr ermutigend, da sie klare Ansatzpunkte für strukturierte Weiterbildung, bessere Kommunikation und ethisch fundierte Leitlinien bieten, um Patientensicherheit und Versorgungsqualität im perioperativen Kontext nachhaltig zu stärken“ argumentiert der ebenfalls an der Studie beteiligte Schmerzmediziner Prof. Joachim Erlenwein von der Universitätsmedizin Göttingen. Zukünftig ist die Entwicklung von Weiterbildungsformaten geplant, um sich dem Thema aus juristischer Perspektive in Bezug auf die Transparenz, Aufklärung und den rechtlichen Rahmen wie Ethikfragen zu nähern.

Erstaunlich viele Anästhesisten und Anästheistinnen täuschen ihre Patienten zu deren eigenen Wohl – ein ethisches Dilemma

Eine weitere wichtige Erkenntnis aus der Studie: Nahezu die Hälfte der Teilnehmenden gab an, bei ihrer Arbeit täuschende und sogenannte „unreine“ Placebos, wie etwa Unterdosierungen, einzusetzen. Allerdings legten nur 7,5 % diese Anwendung gegenüber ihren Patientinnen und Patienten offen. Diese Praxis birgt das Risiko, die Patientenautonomie zu untergraben, selbst wenn es das Ziel der Behandelnden ist, damit die therapeutischen Ergebnisse zu maximieren.

Die weitverbreitete Akzeptanz täuschender Praktiken – übrigens von vielen Befragten als ethisch vertretbar eingeschätzt – steht im Gegensatz zu zeitgemäßen Aufklärungsstandards, die Transparenz und gemeinsame Entscheidungsfindung betonen.

Zugleich berichteten bereits 27 % der Befragten über den Einsatz von Open-Label-Placebos, bei denen Patientinnen und Patienten über die Placebogabe informiert sind. Dies deutet auf eine zunehmende Offenheit für Alternativen hin, die den therapeutischen Nutzen bewahren und zugleich die Autonomie der Patientinnen und Patienten respektieren.

Die Sprecherin des SFB „Treatment Expectation“, Prof. Ulrike Bingel, Leiterin der Universitären Schmerzmedizin der Universitätsmedizin Essen, fordert: „Mich freut es sehr, dass in der Anästhesie die Bedeutung von Kommunikation bereits in der Breite anerkannt ist und gelebt wird. Aber wir müssen versuchen, den aktiven Einsatz des Erwartungsmanagements systematisch in die Leitlinien zu integrieren und in den Behandlungsstandards zu verankern. Das gilt natürlich nicht nur für die Anästhesie, sondern eigentlich für alle Bereiche der Medizin.“

 

PDF-Download der Veröffentlichung:

https://rdcu.be/e1UX3

 

Originalarbeit:

Wessels, J., Pawlik, R.J., Foerster, C. et al. Understanding and leveraging placebo and nocebo effects in perioperative care: a cross-sectional survey of German-speaking anesthesiologists. BMC Anesthesiol 26, 70 (2026). https://doi.org/10.1186/s12871-025-03579-w